Katharina BergPraxis-Handbücher für Lehrkräfte
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Wie gehe ich mit traumatisierten Kindern aus Kriegsgebieten um?

Geben Sie Sicherheit durch Vorhersehbarkeit: feste Abläufe, angekündigte Wechsel, eine verlässliche Bezugsperson und einen ruhigen Platz für alle. Fragen Sie das Kind nicht nach dem Erlebten und stellen Sie keine Diagnose. Im Flashback holen Sie es leise, langsam und ohne unangekündigte Berührung ins Jetzt zurück. Halten die Belastungen über Wochen an, holen Sie Schulpsychologie und Fachstellen dazu.

Ist jedes Kind aus einem Kriegsgebiet traumatisiert?

Nein, und das ist die wichtigste Entlastung vorweg. Die Forschung findet erhebliche Belastung, aber keine Mehrheit mit einer behandlungsbedürftigen Störung. Eine Meta-Analyse kommt bei geflüchteten Kindern und Jugendlichen auf eine gepoolte Häufigkeit der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) von rund 23 % (Blackmore et al. 2020), eine große Übersichtsarbeit auf rund 25 % (Tamir et al. 2025). Einzelne europäische Studien liegen zwischen etwa 19 und 53 % (Kien et al. 2019). Die Studien unterscheiden sich so stark, dass eine einzige Zahl mehr verdeckt als erklärt.

Über das Kind vor Ihnen sagt die Statistik deshalb nichts. Einige Muster sind dennoch robust. Mädchen sind im Schnitt etwa doppelt so häufig betroffen und zeigen Belastung oft leiser (Tamir et al. 2025). In einer kleinen Erhebung an drei deutschen Berufsschulen berichteten 45,2 % von 42 ukrainischen Jugendlichen rund 14 Wochen nach ihrer Ankunft klinisch relevante PTBS-Symptome, Mädchen deutlich häufiger als Jungen (Catani et al. 2023).

Belastung kann sich außerdem verzögert zeigen. Eine erste Erhebung bei ukrainischen Jugendlichen deutet darauf hin, dass sie in den Monaten nach der Ankunft eher zu- als abnehmen kann (Skrypnyk et al. 2024, bisher nur als Kongressbeitrag veröffentlicht). Ein Rückschlag nach einer guten Phase heißt also nicht, dass Sie etwas falsch gemacht haben.

Woran erkennen Sie Belastung im Unterricht?

Im Schulalltag zeigen sich grob drei Muster. Bei Übererregung ist das Kind schreckhaft und zappelig, fährt bei Kleinigkeiten hoch und schläft schlecht. Bei Vermeidung und Rückzug macht es sich klein, meidet bestimmte Orte, Geräusche oder Themen und wirkt verträumt. Bei Dissoziation ist es körperlich anwesend, innerlich aber weggetreten, mit starrem Blick und ohne Reaktion auf Ansprache.

Bei Jugendlichen versteckt sich Belastung oft hinter Provokation, einem aggressiven Schutzpanzer oder stillem Fehlen. Was nach Frechheit oder Desinteresse aussieht, kann eine Hülle sein.

Keines dieser Zeichen beweist ein Trauma. Unruhe, Rückzug und Abwesenheit zeigen auch übermüdete Kinder, Kinder mit ADHS oder Kinder, deren Eltern sich gerade trennen. Sie beobachten, Sie diagnostizieren nicht, auch nicht im Lehrerzimmer. Weiter hilft die Haltung, die in der Traumapädagogik „Pädagogik des guten Grundes“ heißt: Jedes auffällige Verhalten hatte einmal einen Sinn. Wer zuschlägt, bevor er denkt, hat vielleicht gelernt, dass Zögern gefährlich ist. Wer innerlich wegtaucht, hat gelernt, dass es dann weniger wehtut.

Eine Unterscheidung sollten Sie außerdem kennen: Kurze, immer gleiche Aussetzer ohne erkennbaren Auslöser, vielleicht mit Lidflattern, die das Kind selbst nicht bemerkt, können eine Absence sein, eine Form der Epilepsie. Bitten Sie dann die Eltern, das ärztlich abklären zu lassen.

Wie wird das Klassenzimmer zum sicheren Ort?

Bevor ein Kind lernen kann, muss es sich sicher fühlen. Ein Alarmsystem, das auf Krieg eingestellt ist, weiß nicht, dass die Gefahr vorbei ist, und ein alarmiertes Gehirn hat für Vokabeln keinen Platz. Sicherheit heißt dabei nicht Schonung, sondern Vorhersehbarkeit.

  • Den Tag sichtbar machen: ein Ablauf in Bildkarten, den Sie morgens gemeinsam durchgehen und an dem Erledigtes abgenommen wird.
  • Rituale, die jeden Tag gleich sind: Begrüßung mit Namen, ein festes Signal für Übergänge, derselbe Satz zum Abschied.
  • Jede Veränderung ankündigen, vor allem Probealarm, Vertretung, Ausflug oder Raumwechsel. Eine angekündigte Sirene ist verkraftbar, eine unangekündigte kann das Erlebte zurückholen.
  • Die Lücken im Tag planen: Toilettengang, Anstehen, Warten vor der Turnhalle. Dort kippen Kinder am häufigsten.
  • Einen ruhigen Platz einrichten, der für alle Kinder da ist und nie als Strafe dient.
  • Grenzen setzen, ohne zu beschämen: Das Verhalten hört auf, das Kind bleibt willkommen.
  • Berührung anbieten statt überraschen: „Soll ich mich neben dich setzen?“

Was tun, wenn ein Kind wegtritt oder einen Flashback hat?

Ein Kind starrt durch Sie hindurch, reagiert nicht auf seinen Namen, atmet flach. Kurz vorher hat vielleicht eine Tür geknallt. In einem Flashback erlebt es für einen Moment etwas Vergangenes, als geschehe es jetzt. Erklärungen erreichen es nicht, Sicherheit, die es spüren kann, schon. Lautes Ansprechen oder eine unangekündigte Hand auf der Schulter kann es dagegen als Teil der Gefahr erleben.

  • Ruhig und von vorn hingehen, damit das Kind Sie kommen sieht, auf Augenhöhe und mit etwas Abstand.
  • Leise und langsam Name, Ort und Sicherheit nennen: „Amir, ich bin's, Frau K. Du bist in der Schule. Hier ist es sicher.“
  • Über die Sinne ins Jetzt holen: beide Füße fest auf den Boden, etwas Kühles oder Raues in die Hand, gemeinsam langsam atmen, drei blaue Dinge im Raum suchen.
  • Nicht festhalten und nicht nach dem Erlebten fragen. „Woran denkst du gerade?“ führt zurück ins Schlimme statt heraus.
  • Danach weich landen lassen: kein Aufheben vor der Klasse, ein Glas Wasser, eine kleine nächste Aufgabe.

Darf ich das Kind nach seinen Erlebnissen fragen?

Nein. Die Trennlinie lautet: Sie schaffen Sicherheit, Sie behandeln kein Trauma. Über das Erlebte sprechen, Erinnerungen einordnen und aufarbeiten gehört in die Hände von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und Trauma-Ambulanzen. Ein gut gemeinter Laienversuch kann ein Kind erneut überfluten. Erzählt ein Kind von sich aus, hören Sie ruhig zu, ohne zu werten und ohne nachzubohren.

Das gilt auch für Programme, die im Schulumfeld kursieren. Traumafokussierte Verfahren wirken: Eine Meta-Analyse fand für kognitiv-behaviorale Ansätze mittlere und für EMDR große Effekte (Velu et al. 2025). Sie gehören aber in geschulte Hände. Das Gruppenprogramm „Mein Weg“ wird von geschulten Sozialarbeiterinnen und anderen nicht-klinischen Fachkräften durchgeführt, nicht von Lehrkräften (Pfeiffer & Goldbeck 2017), und auch „Teaching Recovery Techniques“ ist keine Methode für die Klassenlehrerin nebenbei. Ihr Beitrag, der verlässliche Schulalltag, ist wirksam genug.

Wann braucht ein Kind fachliche Hilfe, und wie kommt es dahin?

Schreckhaftigkeit, Schlafprobleme, Rückzug oder Wut sind nach Krieg und Flucht zunächst erwartbare Reaktionen. Bei vielen Kindern lassen sie über Wochen nach, sobald der Alltag sicher wird. Hellhörig werden Sie bei drei Dingen: Dauer (die Zeichen klingen nicht ab oder nehmen zu), Schwere (das Kind kann kaum noch am Unterricht teilnehmen) und Leidensdruck. Dann halten Sie sachlich fest, was Sie sehen, mit Datum und Situation, und holen Schulsozialarbeit, Schulpsychologie oder Beratungslehrkraft dazu. Notieren Sie „hat an vier Tagen reglos aus dem Fenster gestarrt“, nicht „ist traumatisiert“.

Sofort handeln müssen Sie bei Selbstverletzung, bei Äußerungen, nicht mehr leben zu wollen, bei akuter Gefahr durch andere und bei Anzeichen einer Kindeswohlgefährdung. Die Schulleitung wird sofort informiert. Bei unmittelbarer Gefahr gilt in Deutschland der Notruf 112, außerhalb der Praxiszeiten der ärztliche Bereitschaftsdienst 116117, in einer psychischen Krise die Notfallambulanz der nächsten Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Den Weg in eine Therapie gehen die Eltern, Sie zeigen die Richtung. Sprechen Sie über Schlaf, Ruhe und Hilfe, nicht über „Trauma“ oder „Therapie“: Beides ist in vielen Familien mit Scham besetzt, manche fürchten Folgen für ihren Aufenthalt. Führen Sie solche Gespräche mit Sprachmittlung, nie mit dem Kind als Dolmetscher. Und seien Sie ehrlich über die Wartezeit. Bis zum Beginn einer Psychotherapie vergehen im Schnitt rund 20 Wochen (BPtK 2022, Datenbasis 2019). Die rund 51 Psychosozialen Zentren für Geflüchtete decken nach eigenen Angaben nur etwa 3 % des Bedarfs, für 2026 warnte ihr Dachverband BAfF zudem vor Kürzungen und Aufnahmestopps (Stand Oktober 2025). Ihre Begleitung im Schulalltag überbrückt diese Zeit.

Bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung gilt für Lehrkräfte nicht § 8a SGB VIII, der sich an das Jugendamt richtet, sondern § 4 KKG. Erstens erörtern Sie die Lage mit Kind und Eltern und wirken auf Hilfen hin, soweit das den Schutz nicht gefährdet. Zweitens haben Sie Anspruch auf Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft, der Sie die Daten pseudonymisiert nennen. Drittens haben Sie die Befugnis, aber keine strafbewehrte Pflicht, das Jugendamt zu informieren. Bei akuter Gefahr wird das Jugendamt direkt eingeschaltet, außerhalb der Dienstzeit die Polizei. Der schulinterne Meldeweg ist Landesrecht. Diese Angaben beziehen sich auf Deutschland, in Österreich und der Schweiz gelten eigene Kinderschutzverfahren.

Und was macht diese Arbeit mit Ihnen?

Wer täglich mit belasteten Kindern arbeitet, nimmt etwas davon mit nach Hause. Fachleute sprechen von sekundärem traumatischem Stress und Mitgefühlserschöpfung (Compassion Fatigue). Sie entstehen durch das Miterfahren fremder Traumata, nicht durch eigenes Erleben, und Lehrkräfte, die mit traumatisierten Kindern arbeiten, tragen dafür ein erhöhtes Risiko (Ormiston, Nygaard & Apgar 2022; Oberg, Carroll & Macmahon 2023). Das ist eine normale Folge empathischer Arbeit und kein Zeichen mangelnder Eignung.

Tragen Sie es nicht allein. Machen Sie den Austausch im Kollegium zur Routine statt zum Notfall, sprechen Sie mit der Schulleitung über Entlastung und holen Sie sich Unterstützung, wenn Bilder Sie nicht loslassen.

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Quellen